Katrin, Dein Betrieb hat seinen Sitz in Laucha, einer Stadt im Burgenlandkreis im südlichen Sachsen-Anhalt. Magst du uns in der Ferne einmal näher mitnehmen in deine Heimat?
Ja! Man vergleicht die Region hier gerne mit der Toskana des Nordens, und tatsächlich ist das so. Das Flair ringsherum ist einfach wunderschön, besonders bezeichnend hier ist das Saale-Unstrut-Weinanbaugebiet. Darüber hinaus ist die Region durch die Landwirtschaft geprägt. Hier sind nicht nur die Menschen besonders liebenswert, sondern der Reiz des Ganzen ist sehr speziell. Wir selbst sind ein reiner Ackerbaubetrieb mit circa 1.900 Hektar Ackerland, 120 Hektar Grünland und 20 Hektar Weinbergen.
Gehen wir einmal zurück auf Anfang: Du warst als Dentalhygienikerin tätig und leitest nun die Genossenschaft Agrar Burgscheidungen eG. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Schritt?
Ich bin hauptsächlich auf dem Bauernhof groß geworden mit Tieren und Feldbau von Kind an mit diesem Betrieb. Zu DDR-Zeiten war das noch die LPG. Mein Vater war hier schon vor meiner Geburt sehr stark involviert und später als Geschäftsführer umso mehr. Meine Mutter und ich haben auch mitgeholfen, Care-Arbeit gemacht. Ich bin also mit allen Höhen und Tiefen mit diesem Betrieb groß geworden.
Bevor ich aber beruflich hier her zurückkam, war ich erstmal fast 20 Jahre in der Zahnmedizin tätig. Als ausgebildete Zahnarzthelferin und Dentalhygienikerin ging ich zunächst nach Hannover. Eigentlich wollte ich beruflich etwas anderes machen, etwas Technisches. Das fanden meine Eltern damals aber nicht so gut. Durch verschiedene Praktika dachte ich dann, die Zahnmedizin ist auch ganz interessant.
Nach vielen Jahren in Hannover fragte ich mich: „Möchte ich dieses okaye-Berufsleben noch bis zur Rente führen?“ Und mir wurde klar: eigentlich nicht. Dann begann ich parallel angewandte Gesundheitswissenschaften zu studieren, machte meinen Bachelor mit Auszeichnung und hing einen Aufbaustudiengang im Gesundheitswesen Management dran. Noch während des Masters wagte ich dann das Experiment: Ich ging 2013 zurück in die Heimat und in den genossenschaftlichen Betrieb.

Von der Zahnmedizin in die Landwirtschaft – wie leicht fiel dir dieser Berufswechsel?
Nach 20 Jahren in einem komplett anderen Berufsfeld, hätte da auch einiges schiefgehen können. Aber „geht nicht”, gibt’s bei mir nicht. Ich bin immer offen für Dinge. Der Wechsel in die Landwirtschaft war für mich eine persönliche Challenge. Ich hatte nichts zu verlieren, sondern eher an Wissen dazuzugewinnen. Dass es so gut funktioniert hat, hätte ich gar nicht erwartet. Aber ich habe mich tatsächlich gleich im Betrieb zu Hause gefühlt, bedingt dadurch, dass ich alles auch kannte, von meinem Papa.
Und wie ging es dann weiter, zurück in Laucha?
Dann hat sich das alles entwickelt und verselbständigt. Meine Thesis schrieb ich im Bereich der Landwirtschaft und absolvierte meinen Master im Jahr 2014. Ich bekam dann Prokura, und damit mehr Möglichkeiten, mich einzubringen, aber natürlich auch mehr Verantwortung. Eine leitende Position zu übernehmen, bedeutet ja auch eine mentale Last zu tragen.
Nachdem ich auch meine Fachkraft für Arbeitssicherheit im Bereich der Landwirtschaft gemacht hatte, ging die Zeit weiter voran, und dann stand der Generationswechsel an. Damals meinte unser Wirtschaftsberater, er könne sich mich als Nachfolgerin vorstellen. Da war ich erst mal sprachlos. Das war für mich total überraschend, ich musste das wirklich sacken lassen. Und schließlich dachte ich: „Okay, du hast überhaupt nichts zu verlieren, sondern kannst nur Erfahrungen dazugewinnen!“ Am 1. August 2019 habe ich dann hier die Geschäftsführung übernommen. To be continued – ich weiß gar nicht, was so passiert im Leben, und das ist vielleicht auch das Schöne!
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Du bist auch Geschäftsführerin der Genossenschaft angehörigen KTS Alge. Wie wurde dieses sehr spezielle Produkt im landwirtschaftlichen Umfeld aufgenommen?
Um ehrlich zu sein: mit ganz viel Lachen! Ganz am Anfang hieß es: „Okay, die in Burgscheidungen, die wollen da was mit Algen machen!“ Das war natürlich eine Aufregung.
Und wie kamst du überhaupt auf die Ideen mit dem Algen-Anbau?
Als ich 2019 die Geschäftsführung übernahm, wollte ich was Eigenes, mein Baby. Auf der Grünen Woche dann stieß ich in der Sachsen-Anhalt-Halle auf einen Informationsstand von der Hochschule Anhalt. Prof. Dr. Carola Griehl ist unter den Forscherinnen der Leuchtturm in Bezug auf Mikroalgen. Und da wurde ich ziemlich stark getriggert mit dieser Idee: Mikroalgen bei uns! Eigentlich sind sie ja auch eine Art Landwirtschaft, nur ein bisschen anders gedacht. Es sind ja auch ganz kleine Pflanzen, – die Chlorella.
Dann brauchte ich mehr Input und suchte nach der nächsten Algenfarm. Und tatsächlich gibt es hier in Sachsen-Anhalt, in Klötze, Deutschlands größte Algenfarm. Diese wiederum wollten sich eh in der Produktion erweitern und so kamen wir zusammen. Hier vor Ort wurde dann die Algen-Anlage gebaut, und unser Algen-Absatz geht zu 100 Prozent nach Klötze. Die Anlage ist jetzt im fünften Jahr in der Produktion. Und obwohl es nur eine Pilotanlage ist, ernte ich mit 20 Kubik immer 1,6 Tonnen. Das ist gut, mehr als nur gut.
Parallel machen wir noch Forschung und Entwicklung mit verschiedenen Forschungspartnern. Das ist, denke ich, mehr als nur über den Tellerrand schauen. Das ist eintauchen in eine andere Materie. Deshalb sage ich: Ich weiß gar nicht, wo die Reise hingeht. Ich bleibe offen!

Liegt dir diese Innovationskraft im Blut oder wird sie im Bereich der Landwirtschaft gerade besonders stark eingefordert?
Wenn ich jetzt so überlege, war es schon immer so, dass ich innovativ war. Als Kind natürlich in einem kindlichen Rahmen, aber schon als ich mich entwickelt habe in der Schule, im Beruf, während des Studiums, war es schon immer mein Ding, zu schauen: Welche weiteren Lösungen und Möglichkeiten gibt es?! Ich glaube, die Landwirtschaft war schon immer innovativ und jede Generation hat Neues etabliert. Ohne Innovationen bewegen wir uns auf der Stelle.
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Zu deinem Betrieb gehören auch ein Café, ein Hofladen und sogar ein Museum. Wie kamst du auf diese Ideen und wie schnell lassen sich solche Neuerungen bei euch umsetzen?
Also Neuerungen lassen sich bei uns ganz, ganz schnell umsetzen. Ich möchte zwar nicht in deren Kopf sehen (lacht), aber mein Team zieht mit. Und das ist so viel wert! Das Café ist im Hofladen integriert. Das Gebäude war früher eine alte Waage, wo das Erntegut verwogen wurde, deshalb heißt es auch „Zur alten Waage". Der Laden läuft ganzjährig, aber das Café, auch Straußwirtschaft genannt, nur vier Monate im Jahr.
Neben dem Gebäude verläuft ein Radwanderweg. Wenn dann die Radfahrer oder Wanderer mal Durst haben, bietet sich das an, bei uns einen kleinen Snack zu essen, zu relaxen und den schönen Ausblick auf die Weinberge zu genießen. Gegenüber auf dem Berg ist zudem die Flugschule, da ist auch mal Betrieb mit Segelfliegern oder Motorfliegern. Unser Café ist also mitten auf dem Betriebshof, aber trotzdem wie so eine kleine Oase, wo die Leute ein bisschen entspannen können.
Das Museum wiederum entstand in einer Nacht- und Nebelaktion. Das Heimatmuseum im Ort wurde aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben und plötzlich waren da diese ganzen landwirtschaftlichen Exponate da, die sonst hätten weggeschmissen oder verkauft werden müssen. Da dachte ich, wie schade das wäre um die ganze Arbeit. Also haben wir die Exponate übernommen und dafür bisher ungenutzte Räumlichkeiten auf dem Betrieb gefunden. Die Menschen freuen sich, wenn sie das besuchen können. Wir können dort zeigen, wie die Landwirtschaft einmal war, gleichzeitig würdigen wir die Arbeit, die vorher das Ehepaar im Heimatmuseum gemacht hat. Ich glaube, das ist für das kleine Dörfchen hier, auch emotional wichtig gewesen.
Auf welche Entwicklung deines genossenschaftlichen Betriebs bist du besonders stolz, und welche Zukunftsvisionen stehen bei euch aktuell ganz oben?
Worauf ich wirklich stolz bin, ist, wie sich der Betrieb entwickelt hat und dass er noch so stabil auf dem landwirtschaftlichen Markt noch steht. Es ist manchmal schon schwierig, aber nicht unmöglich. Worauf ich natürlich auch stolz bin, ist die Algenanlage. Das ist mein Baby!
Eine Art Zukunftsvision wiederum ist, dass wir noch mehr Forschung machen. Die Forschung läuft jetzt primär in Richtung Algen, aber ich stelle mir vor, dass man das auch noch Richtung Pflanzenbau und Weinbau vorantreibt kann und sich dadurch neue Möglichkeiten erschafft.

Deine Genossenschaft feiert in diesem Jahr das 35. Jubiläum. Du bist die erste Frau, die die Genossenschaft leitet, inwiefern spielt das Thema Gleichstellung eine bewusste Rolle in deinem Betrieb?
Gleichstellung war noch nie ein ganz konkretes Thema, aber eher bedingt dadurch, dass es hier stets eher Männer lastig war. Ich weiß auch nicht, ob das irgendwann mal stärker thematisiert werden wird. Denn es ist allgemein einfach schwierig, Fachkräfte zu suchen, zu finden und zu halten. Das ist wirklich sehr elementar. Ich bemerke das auch selbst, wenn ich Praktikanten von der Schule bekomme. Das sind zu 99,9 Prozent tatsächlich männliche.
Du hast beruflich schon in andere Bereiche reingeschaut. Für welche Branche könnte die Landwirtschaft ein Vorbild sein, was die Stellung weiblicher Fach- und Führungskräfte betrifft?
Ich denke, das Handwerk allgemein kann von der Landwirtschaft lernen. Ich glaube, das, was mit den Frauen in der Landwirtschaft gerade aktuell durch das UN-Jahr der Landwirtin passiert, sollte auch für andere Handwerksberufe ein Wachrütteln sein.
Wie bereits erzählt, ich selbst wollte damals eigentlich einen technischen Beruf erlernen. Ich wollte etwas mit Autos machen, ich liebe Autos und Autofahren, doch meine Eltern fanden das nicht gut. Aber woher kommt das? Also diese typischen geschlechterbezogenen Berufsbilder?
Ich denke, das, was die Landwirtschaft jetzt im UN-Jahr macht, also dass sie deutlich zeigt: „Hier, das alles können die Frauen, die fachausgebildet sind, die das Know-how und die Woman Power haben!“, all das kann auch auf das Handwerk und auch auf die Wirtschaft projiziert werden. Gerade in der Wirtschaft, wo gewisse Quoten erfüllt werden müssen, frage ich mich: Möchte ich diejenige sein, die eingestellt wurde wegen der Quote oder wegen meines Wissens? Das muss noch stärker thematisiert und besprochen werden.
Es gibt ja diesen Satz: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau." Ich sage: Hinter jeder erfolgreichen Frau muss niemand stehen, sondern neben uns. Wenn man gemeinsam in dieselbe Richtung geht, dann kann man ganz, ganz viel schaffen.
Sowohl für die Wirtschaft als auch für das Handwerk wäre es gut, wenn die auch dieses Jahr wirklich intensiv nutzen, um zu zeigen, was da geht und welches Potenzial aus einem „Gemeinsam“ entstehen kann. Dann brauchen wir auch keine Frauenquoten oder gar mal irgendwann Männerquoten. Ich denke, diese Zeiten sind generell vorbei.
In welchen Bereichen müsste es strukturelle Verbesserungen geben, damit sich noch mehr Frauen in leitende Positionen in der Landwirtschaft begeben?
Ich denke, auf jeden Fall an den Fachschulen, Universitäten und Hochschulen müsste mehr dahingehend passieren. Aber nicht nur durch eine Infoveranstaltung, sondern auch durch angewandte Workshops, Coachings oder Mentoring-Programme. Es gibt da so viel, was man machen kann. Und es ist ganz wichtig, dass da mehr noch kommt!
Ich selbst bin selbst Mentorin beim „Kompass“-Programm vom Deutschen Bauernverband. Gestern hat zum Beispiel eine Ehemalige gepostet, dass sie sich in den Vorstand ihres Kreisbauernverband hat wählen lassen. Das hätte sie sich nie getraut, wäre sie nicht bei diesem Mentorenprogramm dabei gewesen. Das Potenzial bei den Frauen, völlig egal ob jünger oder älter, ist da! Aber manchmal fehlt noch dieser kleine Schubs: „Mach das. Du kannst das doch." Mir geht es ja genauso: Wenn ich weiß, okay, das kann ich gut, bin ich natürlich sicherer und traue mir Dinge auch eher zu.
Sind solche Netzwerke und Kooperationen für Landwirtinnen besonders wichtig, um sich gegenseitig zu stärken oder auszutauschen?
Ja! Das zeigt mir allein mein Ehrenamt als Mentorin, es ist extrem wichtig, ein Netzwerk zu haben. Ich bin auch Mitglied im Unternehmerinnenfachausschuss des DBV. Wir haben klein angefangen und mittlerweile haben wir über 200 Mitgliederinnen. Es ist unglaublich, wie wir uns gegenseitig pushen. Das heißt nicht, dass wir uns jeden Morgen eine Nachricht schicken: „Tschakka, du schaffst das!“, sondern wirklich: „Hey, ich habe eine Frage, wie ist das, wie ist die Frist oder wie würdet ihr das machen?”
Mit was für einer Stärke wir uns gegenseitig unterstützen, das kann man nur im Netzwerk! Netzwerk ist das A und O. Wahrscheinlich schon immer so, aber ich finde, heutzutage ist es noch wichtiger denn je. Auch für jemanden, der vielleicht frisch vom Studium oder der Fachschule kommt und noch nicht so richtig weiß, in welche Richtung es gehen soll, kann ich nur empfehlen: unbedingt Netzwerken! Was heute vielleicht aus drei Personen besteht, ist morgen schon 200 Personen stark!

Auf der Website deines Betriebs findet man folgendes Zitat: „Bauernstand ist Ehrenstand, erhält die Stadt, erhält das Land, ist der Pionier der Zeit und bleibt es bis in die Ewigkeit." Wie gelingt es dir, dieses wichtige Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit zu vermitteln?
Wichtig ist, bei mir selbst anzufangen. Ich versuche immer authentisch zu sein. Nur wenn man authentisch ist, wird man auch mit dem, was man tut und sagt, ernst genommen. Und zudem einfach darstellen und zeigen, was man macht. Und gerne auch mal zu diskutieren, offen und lösungsorientiert. Das finde ich ganz wichtig!
Du engagierst dich neben deinem Beruf und bist Vizepräsidentin im Bauernverband Sachsen-Anhalt. Was genau sind da deine Aufgaben?
Zum einen natürlich die Vetretung des Berufsstandes, auch in Kooperation mit dem Hauptamt. Das ist ganz wichtig. Wir sind eins: Hauptamt, Ehrenamt. Zum anderen auch die Information. Ich bin Vorsitzende des Öffentlichkeitsausschusses, meine Hauptarbeit ist hier die Kommunikation mit den Landwirtinnen und Landwirten, aber auch zur Bevölkerung.
Für mich ist die Tätigkeit im Bauernverband tatsächlich eine Ehre. Ich mache das mit Leidenschaft und Überzeugung. Ich habe dadurch tolle Möglichkeiten– auch für die persönliche Entwicklung. Ich schätze es, dass ich für eine gewisse Region, für eine gewisse Gemeinschaft, für die Landwirtschaft etwas tun kann. Arbeit ist das eine, aber das Ehrenamt mache ich wirklich, weil ich das liebe.
Das UN-Jahr der Landwirtin soll unter anderem die Sichtbarkeit für weibliche Fach- und Führungskräfte in der Landwirtschaft erhöhen. Was denkst du, sind Stärken, die ganz besonders Frauen in landwirtschaftliche Betriebe mit einbringen können?
Der Ehrgeiz, der steht an oberster Stelle. Und dann die Beharrlichkeit! Ich sehe das nicht nur bei mir, ich sehe das auch von anderen Kolleginnen. Selbst wenn es mal schief geht, wird trotzdem weiter gemacht und ein neuer Weg gesucht. Und wenn man einen Umweg geht, dann geht man halt einen Umweg. Und zudem bringen Frauen eine große Verlässlichkeit mit. Das heißt nicht, dass ein Mann nicht verlässlich ist, aber manchmal vielleicht eher den leichteren Weg wählt.
Deine Abschlussbotschaft an andere Frauen in der Landwirtschaft
Seid offen und wagt etwas! Es kann nichts passieren, man kann nur dazugewinnen an Erfahrung. Die Welt dreht sich weiter, sie geht nicht unter. Wir sind danach einfach nur klüger in dem, was wir tun. Astrid Lindgren sagte: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frei und wild und wunderbar." Oder ich würde noch ergänzen: Sei bodenständig, bleibe immer du selbst und halte an deiner Überzeugung fest. Das ist ganz wichtig!
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