Unweit des Meeresarms der Schlei und inmitten der Schleswig-Holsteinischen Geest, liegt in Selk der Futterbau-Milchviehbetrieb der Familie Stolley. Der Hofplatz ist ein großes Rondel, zu dessen Linken befindet sich das mit Klinkersteinen verkleidete Wohnhaus, zur rechten die zwei Ställe. Blickt man in die Ferne, erkennt man die Spitze des Schleswiger Doms. Dies ist der Lebens- und Arbeitsort von Laura Stolley, ihren Eltern und deren fleißigen Mitarbeiterinnen – 130 schwarzbunte, Schleswig-Holsteiner Kühe.
Am Morgen unseres Gesprächs ist Laura bereits seit einigen Stunden auf den Beinen, in der Früh wurde neben der täglichen Auswertung der Milchroboter und der Pflege der Liegeboxen die monatliche, jeweils 24-stündige Milchkontrolle beendet. Beim täglichen, gemeinsamen Frühstück dann bespricht Familie Stolley den Ablauf des weiteren Tags und Laura beschreibt:
„Morgens und abends gibt es Routinearbeiten, die jeden Tag ähnlich sind. Aber Landwirtschaft wäre nicht das, was es ist, wenn es nicht doch jeden Tag eine Überraschung gibt oder irgendwas nicht hundertprozentig nach Plan läuft. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen!“

Obwohl sie auf dem elterlichen Milchviehbetrieb in Selk aufwuchs und der berufliche Weg nahe lag, entschied sich die heute 26-jährige Laura Stolley eher spontan, Landwirtin zu werden:
„Ich hatte mich eigentlich schon für eine Ausbildung als Bankkauffrau entschieden. Doch eines Tages kam ich aus der Schule nach Hause und merkte: Nee, ich glaub, das ist irgendwie doch nicht so ganz das Wahre.“
Bauernhof statt Bank: Eine Entscheidung fürs Leben
Bereits wenige Monate nachdem sie ihre Meinung geändert hatte, begann Laura im Juli 2015 ihre dreijährige, landwirtschaftliche Ausbildung. Nach dem ersten Lehrjahr, welches die damals 16-jährige im elterlichen Betrieb absolvierte, lernte sie in zwei weiteren Milchviehbetrieben bei Flensburg und Gettorf. Es folgte ein Work-and-Travel-Aufenthalt in Australien sowie der Besuch der Landwirtschaftsschule und der Höheren Landbauschule in Rendsburg. Mit ihrem Abschluss als Agrarbetriebswirtin stieg Laura dann voll in den Familienbetrieb ein und übernahm dort neben dem Herdenmanagement auch viele, zentrale betriebswirtschaftliche Aufgaben.
Neben ihren Eltern ist im Betrieb ein langjähriger Mitarbeiter beschäftigt. Um sich verstärkt um das Wohl der Tiere zu kümmern, wurde der Anbau von Gras und Mais in Teilen an ein Lohnunternehmen abgegeben, zudem zeigt sich Familie Stolley offen gegenüber technischen Unterstützungen. Laura erläutert, wo die 300-jährige Tradition auf moderne Technik trifft:
„Wir haben relativ viel automatisiert. Zum einen durch das Melken mit den Melkrobotern, als auch über eine automatische Fütterung, die vollautonom durch den Stall fährt und die Tiere komplett nach Bedarf füttert.“
Die feste Einbindung von Maschinen in die Routinearbeiten des Hofes bereiten neben der allgemeinen Arbeitserleichterung noch eine Dimension, die Laura nicht nur als große Chance für ihren eigenen Hof, sondern generell für Frauen in der Landwirtschaft betrachtet:
„Landwirtschaft ist ein wirklich toller Beruf, vor dem man sich als Frau nicht mehr verstecken muss. Es ist nicht mehr so, dass man irgendwie körperlich unterlegen ist. Durch Automatisierungen und die Unterstützung durch Mitarbeiter steht man nicht mehr allein davor. Deswegen glaube ich, dass das nicht mehr nur noch dieser typische Männerberuf ist, da hat sich in den letzten Jahren einfach viel gewandelt. Und durch künstliche Intelligenz und sowas wird noch viel mehr kommen, so dass man da als Frau eigentlich in nichts mehr nachstehen muss.“

Laura Stolley auf dem Weg zur Hofnachfolge
Doch nicht nur technische Errungenschaften scheinen das Selbstverständnis und den Zugang für mehr Frauen in der Landwirtschaft zu ebnen, auch ein wachsendes Angebot von Netzwerken, Weiterbildungs- und Coachingprorammen für junge Landwirtinnen erzählt von wichtigen, strukturellen Veränderungen. Von solchen Möglichkeiten profitiert auch Laura, denn in wenigen Jahren wird sie den Betrieb von ihren Eltern übernehmen und macht sich damit im Prinzip Tag für Tag dazu bereit, denn Beginn der achten Generation auf dem Hof einzuläuten. Übrigens nicht als allererste Frau in der Familie, denn bereits Lauras Oma Ilse Stolley führte den Hof von 1970 bis 1995.
Die Voraussetzungen für die Hofübernahme scheinen für Laura mehr als vorbildlich, denn auch hier arbeitet Familie Stolley als gut funktionierendes Team zusammen:
„Auch wenn wir uns bewusst gegen die Gründung einer GbR entschieden haben, werden hier alle Entscheidungen zusammengetroffen. In den nächsten Jahren wird der Betrieb komplett an mich übergehen, ohne den Zwischenschritt gemeinsam in einer GbR gewirtschaftet zu haben.“
Mit unserem Förderangebot möchten wir dazu beitragen, dass Frauen als verantwortliche Unternehmerinnen in der Land- und Fortwirtschaft erfolgreich sein können. Hierzu bieten wir Förderdarlehen für alle betrieblichen Investitionen in den ersten fünf Jahren nach Betriebsübernahme oder -gründung zu besonders günstigen Premium-Konditionen an:
Zu den Programmbedingungen des Zukunftsfeldes „Hofnachfolgerinnen und Existenzgründerinnen"
Die Hofübernahme beschreibt Laura als Prozess, der nicht übers Knie gebrochen werden dürfe und der man Zeit und Vorbereitung brauche. Eine Zeit, in der Jung und Alt gemeinsam Weichen für die Zukunft stellen müssen:
„Ich glaube, wir sind als Familie in den vergangenen Jahren schon viele Schritte gemeinsam gegangen, so dass ich ab dem Moment der Betriebsübernahme nicht irgendwas ganz dringend umsetzen müsste, weil ich es vorher nicht konnte. Da habe ich einen großen Vorteil, dass meine Eltern sehr offen gegenüber Neuerungen sind. Es gibt kein „Nee, das haben wir schon immer so gemacht", sondern eher: „Hey, das ist eine coole Idee!" Letztendlich soll ich den Betrieb in die nächste Generation führen, so dass sie gerne mit mir bereit sind, wichtige Schritte jetzt schon einzuleiten.“
Als einer dieser großen, richtungsweisenden Schritte nennt Laura die Errichtung des zweiten Kuhstalls:
„Auf unsere Entscheidung für den Bau des neuen Kuhstalls mitsamt Automatisierung sind wir als Familie sehr stolz. Das war eine große finanzielle Belastung, aber absolut die richtige Entscheidung. Durch die Automatisierung sind wir definitiv flexibler, haben uns ein bisschen Freizeit erkauft und in jeder Hinsicht viel in das Tierwohl investiert.“

Von anderen lernen und den Horizont erweitern
Doch nicht nur innerhalb ihrer Familie bereitet sich Laura auf ihren zukünftigen Weg vor. Aktuell nimmt sie beispielsweise an einem gemeinsamen Coaching-Programm von SVLFG und der Rentenbank teil, welches Frauen in der Grünen Branche fördert. Dieses wurde auf den Weg gebracht, da Studien ergaben, dass im Jahr 2020 fast 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe durch Männer geleitet wurden und man generell beobachtete, dass sich die vielfältigen Leistungen von Frauen in landwirtschaftlichen Unternehmen nicht ausreichend in deren rechtlichen Positionen widerspiegeln. Das Coaching besteht aus Gruppen- und Einzelcoachings zu Themen von Stressvermeidung und Resilienz bis hin zur Analyse des Betriebsprofils und der Erstellung des eigenen Businessplans. Momentan steckt Laura mitten im Coaching-Prozess und zieht ein erstes Resümee:
„Allein die Gruppencoachings haben mir schon jetzt viele andere Sichtweisen beschert. In meiner Gruppe sind zum Beispiel viele Frauen, die Direktvermarktung betreiben, was mir auch immer schon vorschwebt. So kann ich von anderen lernen, was da gut funktioniert, oder was man bedenken sollte.“
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Auch über das Frauen-Coaching von SVLFG und der Rentenbank hinaus, sieht Laura Weiterbildung und Networking als wertvolle Investition in ihre Zukunft in der Landwirtschaft. So war sie im Jahr 2025 Teilnehmerin des Kompass-Programms vom Deutschen Bauernverband, das weibliche Hofnachfolgerinnen und Unternehmerinnen stärken möchte.
„Auch dieses Netzwerk aus 22 Frauen ist wirklich super, da werde ich noch ganz lange von zehren. Diesen Erfahrungsaustausch nimmt einem absolut keiner.“
Für Laura bedeutet Landwirtschaft auch Engagement und Politik
Als weitere positive Entwicklung für Frauen sieht Laura auch, dass
der Deutsche Bauernverband seit ein paar Jahren mit dem Unternehmerinnen-Ausschuss auf Bundesebene aktiv ist.
„In Schleswig-Holstein gibt es nun auch ein Unternehmerinnen-Netzwerk, dass offen für alle ist. Ich durfte da auch schon an ein paar Veranstaltungen teilnehmen.“
Ebenso Zuversicht schöpft Laura aus der besonderen Gegebenheit, dass in ihrer Heimat Schleswig-Holstein zentrale Posten der Landwirtschaft weiblich besetzt sind. Die Landwirtschaftskammer SH hat seit 2018 mit Ute Volquardsen als Präsidentin und Stefanie Wetekamp als Geschäftsführerin (seit Januar 2026) eine weibliche Doppelspitze inne, zudem ist Cornelia Schmachtenberg seit November 2025 Landwirtschaftsministerin des nördlichsten Bundeslandes.
„Dass diese wichtigen Positionen in Schleswig-Holstein weiblich besetzt sind, das ist wirklich eine einmalige Sache. Ich finde es sehr beeindruckend, dass wir so viel Frauenpower bei uns in Schleswig-Holstein haben. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall ganz viel Erfolg dabei, dass sie für die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein einstehen. Und dass sowas wie Planungssicherheit weiter vorangetrieben wird, damit junge Menschen, egal ob es Frauen oder Männer sind, gerne bereit dazu sind, die Betriebe in die nächste Generation zu führen. Ich glaube, die Drei können da maßgeblich zu beitragen!“
Bei den Gedanken an ihre Zukunft aber möchte sich Laura Stolley nicht nur auf die Ideen und das Handeln anderer verlassen, sondern auch selbst ein wenig zu strukturellen Verbesserungen beitragen. Zum Beispiel mit ihrem langjährigen Engagement bei der Landjugend Schleswig-Holstein, wo sie gemeinsam mit drei anderen Landwirtinnen und Landwirten seit 2020 Sprecherin bzw. seit zwei Jahren stellvertretende Sprecherin des Agrarausschusses ist und Themen und Anliegen junger Landwirtinnen und Landwirte in die Öffentlichkeit und an die Politik trägt. Zudem sieht Laura in ihrem Engagement eine weitere, bedeutende Ebene.
„Als Landwirtinnen und Landwirte sind wir der Motor des ländlichen Raums. Wir unterstützen Vorhaben und Veranstaltungen im Dorf, beim Aufbau, in der Umsetzung, mit Flächen, Maschinen, Anhängern... Deswegen muss viel mehr nach außen getragen werden, dass Landwirte in den Dörfern gebraucht werden – nicht nur für die tägliche Arbeit, sondern auch für das Dorfleben selbst. Das verdient mehr Bewusstsein und Wertschätzung.“
UN-Jahr der Landwirtin für mehr Sichtbarkeit, viel wichtiger aber noch: Selbstverständlichkeit
Auch zur besseren Sichtbarkeit speziell von Frauen in der Landwirtschaft, welche durch das aktuell laufende UN-Jahr der Landwirtinnen gestärkt werden soll, hat Laura eine klare Meinung:
„Ich glaube, dass wir nichts besser oder schlechter können als Männer, und finde das auch immer ganz fürchterlich, wenn das so dargestellt wird. Ich glaube einfach, dass es nur miteinander funktioniert. Ich glaube, dass Frauen auch oftmals das Rückgrat von Betrieben sind – und das auch schon seit vielen Jahren waren. Deswegen find ich es gut, dass das durch das UN-Jahr der Landwirtinnen jetzt mal nach außen publiziert wird. Gleichzeitig aber hoffe ich, dass danach so ein Aktionsjahr gar nicht mehr notwendig ist. Sondern dass es einfach selbstverständlich ist, dass Frauen Betriebe und Führung übernehmen!“
Was strukturelle Selbstverständlichkeiten betrifft, beschäftigt Laura im Übrigen noch ein ganz konkreter Wunsch für Frauen in der Landwirtschaft:
„Ich habe es bereits in der Podiumsdiskussion auf der Grünen Woche eingebracht: Im Mutterschutz für Selbstständige muss sich etwas ändern, und zwar ganz dringend und am besten so schnell wie möglich. Denn das ist noch ein ganz großer, ungewisser Faktor, der Frauen teilweise davon abhält, in die Selbstständigkeit zu gehen. Man sollte sich nicht zwischen Betrieb oder Familie entscheiden müssen, auch nicht in der Landwirtschaft!“
Und Apropos Mutterschutz: An diesem Tag Ende Februar wird sich Laura vor allem noch um den Nachwuchs auf dem Hof kümmern – und um deren Mütter, denn „zwei Tiere, die frisch gekalbt haben, die bekommen gleich noch mal eine extra Portion Pflege." Und so startet Laura Stolley in einen neuen Tag Richtung Kuhstall – und in Richtung Zukunft.
Lauras Botschaft
„Ob Mann oder Frau, nutzt die Chancen und nehmt als Hofnachfolgerin oder Hofnachfolger an Coachings teil! Nicht unbedingt, weil es Herausforderungen auf dem Betrieb gibt oder es einen Generationskonflikt gibt, sondern um zu vermeiden, dass es überhaupt zu einem Konflikt kommt und damit eine Hofübergabe gut vorbereitet ist. Und ich empfehle allen: Habt keine Scheu, schließt euch einem Netzwerk oder einer Organisation an, man davon kann man ganz viel lernen und mitnehmen!“
Über die Rentenbank
Die Landwirtschaftliche Rentenbank unterstützt landwirtschaftliche Betriebe mit zinsgünstigen Förderkrediten – auch für Investitionen in mehr Tierwohl, Nachhaltigkeit und Innovation. Mehr Informationen zu Fördermöglichkeiten finden Sie auf rentenbank.de.
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