Nicht Trecker fahren, sondern ein Unternehmen führen
„Es war bei mir nie so hundertprozentig der typisch landwirtschaftliche Teil, also dass ich total Lust hätte, den ganzen Tag Trecker zu fahren", erklärt Jenna. „Bei mir war es immer das Lebendige, dieses Pulsieren, was so ein Betrieb mitbringt. Das fand ich immer toll." Schon als Jugendliche sah Jenna im elterlichen Betrieb die Möglichkeit, etwas zu gestalten und weiterzuentwickeln. Nach dem Abitur 2016 folgte keine Auszeit: Am Montag nach dem Abiball begann sie ihre Ausbildung zur Landwirtin.
Zwei Jahre lang lernte Jenna auf verschiedenen Betrieben in Schleswig-Holstein und erlebte sowohl familiäre Strukturen als auch großbetriebliche Abläufe. „Das deutsche Ausbildungssystem in der Landwirtschaft ist wirklich super. Durch die verschiedenen Stationen und Praktika bekommt man extrem wertvolle Einblicke und sammelt praktische Erfahrungen - das würde ich immer wieder so machen.“ Rückblickend glaubt sie, dass die Ausbildung sie geerdet und gleichzeitig für Betriebsblindheit sensibilisiert hat. Nach ihrem Bachelor in Osnabrück und dem Masterstudium in Kiel kehrte sie im Sommer 2024 auf den Hof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist - diesmal als Mitgeschäftsführerin.
Am Schreibtisch gegenüber vom eigenen Vater lernen
Ihr Arbeitsplatz heute: mal im Stall, mal in der Futterproduktion, mal auf dem Acker – aber hauptsächlich am Schreibtisch direkt gegenüber von ihrem Vater Temme Struck im gemeinsamen Büro. Anfangs war Temme skeptisch, ob das funktionieren würde. Doch Jenna stellte ihren Schreibtisch einfach hin - und seitdem läuft es, finden beide.

„Ich lerne unglaublich viel dadurch, dass ich mitkriege, wie mein Vater Telefonate aufbaut, wie er schwere Gespräche führt, wie er mit Problemen umgeht, oder wie er Marktlagen einschätzt. Solche Dinge lernt man nicht im Studium - ich wüsste gar nicht, wie ich das sonst lernen sollte."
Diese enge Zusammenarbeit ist bewusst gewählt. Die Hofübernahme ist ein Prozess, der in den nächsten drei bis fünf Jahren voranschreiten wird. Jenna wird schwerpunktmäßig den landwirtschaftlichen Betriebsteil übernehmen, ihr Vater will weiterhin strategische Projekte -auch außerhalb der Landwirtschaft - anstoßen, die er gemeinsam mit beiden Kindern aufbauen will.
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Strukturen schaffen und Herzensthemen voranbringen
Jennas Alltag lässt sich schwer in eine Schublade packen. „Ich bin überall und nirgends", sagt sie. Da der Betrieb gut aufgestellt ist, muss sie nicht täglich in Routinen eingebunden sein - und das gibt ihr Freiraum, strategisch zu denken: Sie behält den Überblick, koordiniert Abläufe und Mitarbeitende, springt ein, wo Hilfe gebraucht wird: „Ich bin der Joker für alles.“
„Wenn ich eine Sache nennen müsste, die schon besser geworden ist, seitdem ich hier bin, wäre es das Strukturelle. Mein Fokus liegt darauf nicht nur Probleme zu lösen, sondern sie gar nicht erst entstehen zu lassen.“

Jennas weiteres Herzensthema: Die Reduktion von CO₂-Emissionen in der Schweinehaltung. Während des Studiums hat sie sich theoretisch mit dem Thema im Rahmen ihrer Bachelorarbeit befasst; jetzt setzt sie es auf dem Hof in die Tat um. Futter macht fast 80 Prozent des CO₂-Fußabdrucks in der Schweinehaltung aus. Durch Optimierung der Futterverwertung hat der Hof Struck es unter Jennas Leitung geschafft, pro Kilogramm Schweinefleisch im Schnitt nur noch 2,52 Kilogramm Futter zu benötigen. Das spart hunderte Tonnen Futter pro Jahr und reduziert Emissionen erheblich. In Zukunft will Jenna mit aufbereitetem Kleegrasprotein heimische Eiweißquellen nutzen und den CO₂-Fußabdruck weiter senken.
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Auf die Frage, ob es als junge Frau schwierig sei, sich gegenüber langjährigen Mitarbeitenden durchzusetzen, antwortet Jenna: „Auf dem Hof arbeiten zwar Menschen, die länger im Betrieb sind, als ich auf der Welt, aber ich habe keine Akzeptanzprobleme. Ich bin mir für nichts zu schade. Ich mache nicht täglich alles, aber ich würde alles hinkriegen."
Frauen in der Schweinehaltung - was sich ändern muss
Die Viehvermarktung gilt traditionell als Männerdomäne. Jenna sieht das pragmatisch: „In der kurzen Zeit, in der ich in der Viehvermarktung bin, habe ich schon zwei ausgeprägte „Schweinestaus“ mitmachen müssen – währenddessen habe ich gelernt, dass alle nur mit Wasser kochen“ Sie selbst hat das Thema nie zu groß werden lassen und einfach losgelegt.
Netzwerke seien wichtig, nicht nur auf geschäftlicher Ebene. Man höre Lösungsansätze, lerne Gleichgesinnte kennen, merke: Anderen geht es auch so. „Der Kopf ist das, was am Ende alles steuert. Es ist wichtig, da auch mal rauszukommen.“
Was strukturell noch fehlt? Jenna denkt an die Zukunft, an Kinder. „Die Komponente Familie, das ist ein großer Part, über den ich mir Gedanken mache. Ich übernehme ja quasi nicht nur den Vollzeitjob meines Vaters, sondern auch den als Mutter. Wo kriegt man Haushaltshilfen her? Worauf muss man achten? Ich könnte mir vorstellen, dass das manche Frauen hemmt. In dem Bereich könnte mehr Informations- und Kommunikationsarbeit geleistet werden: Wie machen das die Frauen, die das jetzt schon schaffen?"
Keine Geldförderung also, sondern Orientierung. Sichtbarkeit für Lösungen, die funktionieren. Das UN-Jahr der Landwirtinnen könne dazu beitragen, glaubt Jenna. Aber wichtiger noch: dass es selbstverständlich wird, dass Frauen landwirtschaftliche Betriebe führen.

Die eigene Geschichte selbst schreiben
Die Viehvermarktung Temme Struck ist auf Instagram aktiv, zeigt Einblicke in den Alltag, lädt bei Anfragen zu Stallführungen ein. Jenna führt den Account für Mitarbeitende, Kunden, Menschen aus der Region. Verbraucherinformation ist nicht der Hauptfokus, aber sie findet es wichtig, Interessierten die Chance zu geben, sich selbst ein Bild zu machen.
„Wir haben in der Landwirtschaft viel zu lange zugelassen, dass andere unsere Geschichte schreiben. Es ist wichtig, Leuten die Chance zu geben, sich selbst ein Bild zu machen."
Herausforderungen? Waren immer schon da
Die Schweinebranche erlebt einen massiven Strukturwandel: In Schleswig-Holstein ist die Marktferne ein großes Thema geworden, so Jenna: Schlachtstätten sind weiter entfernt, der Frachtaufwand ist gestiegen – das belastet die Wirtschaftlichkeit. Gleichzeitig sieht sie Chancen durch die Lage: Die regionalen, dänischen Ferkel bringen eine vergleichsweise geringe CO₂-Belastung mit und durch die Möglichkeit, Futter selbst zu produzieren, ist die Region laut Jenna prädestiniert für die Erzeugung von bezahlbarem Fleisch mit einem geringen CO₂-Fußabdruck.
Ihr Blick in die Zukunft bleibt realistisch-optimistisch: „Herausforderungen sind da, aber Herausforderungen waren immer schon da."

Jennas Botschaft
Was Jenna anderen Frauen in der Landwirtschaft mitgeben möchte? „Früher war ich perfektionistisch veranlagt, mittlerweile bin ich eher Optimistin. Man braucht nicht immer 100 Prozent, 80 Prozent sind auch schon viel. Nicht von vornherein Dinge zerdenken - einfach erstmal reinspringen und dann gucken, was draus wird.“
An diesem Apriltag wird Jenna nach dem Interview wieder an ihren Schreibtisch zurückkehren, und mit ihrem Vater die Abläufe für den nächsten Tag besprechen. Und nebenbei weiter daran arbeiten, dass der Hof Struck nicht nur in die nächste Generation geführt wird, sondern dort auch gut ankommt.
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