Es ist ein sonniger Morgen, als Beate Köber-Fleck über ihren Werdegang spricht. Die 43-Jährige hat in ihrem Berufsleben unterschiedliche Perspektiven kennengelernt: die praktische Landwirtschaft, internationale Industrieunternehmen, mittelständische Betriebe und die Selbstständigkeit.
Heute ist sie selbst in der Landwirtschaft unternehmerisch tätig und engagiert sich für die Zukunft landwirtschaftlicher Betriebe. Dabei beschäftigt sie besonders eine Frage: Wie schaffen wir es, dass mehr Frauen Verantwortung übernehmen – in der Landwirtschaft, in Unternehmen und in Führungspositionen?
Denn noch immer sind nur rund elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland von Frauen geführt. Köber-Fleck will dazu beitragen, das zu ändern – mit einer gehörigen Portion Pragmatismus, die zu ihrem Naturell gehört.
„Ich hatte eine klassische Konstellation“, sagt sie und lacht. „Meine große Schwester ist heute eine passionierte Lehrerin und ich habe keinen Bruder. Mein Vater hat dann einfach ignoriert, dass ich ein Mädchen bin.“
Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Baden-Württemberg, war sie von klein auf überall dabei: im Stall, auf dem Acker, bei der Feuerwehr und im Fußballverein.
„Mir wurde dabei viel Freiraum gelassen. Das hat mich, glaube ich, sehr geprägt.“
Die Verbindung zur Landwirtschaft ist bis heute geblieben. Gemeinsam mit ihren Eltern trägt sie Verantwortung für den Familienbetrieb. Für Köber-Fleck ist Landwirtschaft deshalb nicht nur ein berufliches Tätigkeitsfeld, sondern auch gelebtes Unternehmertum und persönliche Verantwortung.
Vom familieneigenen Hof zur internationalen Karriere
Dass man Landwirtschaft studieren kann, hatte Köber-Fleck nach dem Abitur zunächst nicht auf dem Radar. Eigentlich war ihr Plan ein Lehramts- oder Medizinstudium. Ein Berufsberater stellte schließlich die entscheidende Frage: „Wie sieht's denn aus mit Landwirtschaft?“
Sie schrieb sich an der Universität Hohenheim ein, studierte Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Betriebswirtschaftslehre und später auch Volkswirtschaftslehre. Parallel sammelte sie als Werkstudentin bei zwei großen Landtechnikherstellern praktische Erfahrungen. Mithilfe eines Stipendiums und ihrer beruflichen Tätigkeiten finanzierte sie ihr Studium selbst.
Ob England, Japan oder Russland – verschiedene Auslandsaufenthalte prägten ihren Weg. In Russland erlebte Köber-Fleck 2008 die Finanzkrise hautnah. Der Plan, nach dem Studium bei einem Unternehmen einzusteigen, für das sie bereits während ihres Studiums gearbeitet hatte, zerschlug sich.
„Das war das erste Mal, dass ich richtig an die Wand gerannt bin“, erinnert sie sich.
Doch aus der unerwarteten Veränderung ergab sich eine neue berufliche Perspektive: Ihr Weg führte sie schließlich zu CLAAS nach Harsewinkel, einem der weltweit führenden Landmaschinenhersteller. Bereits während ihrer Studienzeit in Russland hatte sie eine Begegnung erlebt, die ihre Wahrnehmung des Unternehmens nachhaltig prägte: Ein Mitglied der CLAAS Konzernleitung stand direkt auf dem Feld an einem Mähdrescher, im unmittelbaren Austausch mit der Praxis.
„Diese Nähe zu den Kunden und den eigenen Produkten hat mich tief beeindruckt. Sie hat mein Verständnis davon, was gute Unternehmensführung ausmacht, bis heute geprägt.“
Was als Traineeprogramm begann, wurde zu einer 14-jährigen Karriere durch verschiedene Unternehmensbereiche. Köber-Fleck arbeitete unter anderem im Lieferantenmanagement, in der Produktion und später in der Produktstrategie. Dabei übernahm sie zunehmend Projekt- und Managementverantwortung.
„Gerade zu Beginn meiner Zeit bei CLAAS war es beeindruckend, die Komplexität eines international tätigen Industrieunternehmens kennenzulernen. Besonders prägend war für mich, wie eng operative Abläufe und wirtschaftliche Verantwortung miteinander verbunden sind. Wenn eine Produktionslinie stillsteht, entstehen innerhalb kürzester Zeit erhebliche Kosten. Diese Erfahrungen haben mein Verständnis für effiziente Prozesse, wirtschaftliche Zusammenhänge und unternehmerische Entscheidungen nachhaltig geprägt.“
Die Jahre in der internationalen Industrie haben ihren Blick auf unternehmerische Entscheidungen nachhaltig geprägt. Verantwortung übernehmen, wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und auch unter Unsicherheit Entscheidungen treffen – das gehört für sie zu guter Führung.
„Wir Mädels sind manchmal zu zurückhaltend“, sagt Köber-Fleck. „Wir wagen uns oft erst an Aufgaben, wenn wir sie schon zu 120 Prozent beherrschen. Dabei sollten wir einfach Dinge ausprobieren, die wir noch nicht perfekt können – dann lernen wir sie eben.“
Ein Gedanke, der zu ihrem Leitmotiv geworden ist.
Landwirtschaft und Unternehmertum – zwei Seiten einer Medaille
Nach 14 Jahren bei CLAAS folgte der Wechsel in die mittelständische Ernährungswirtschaft. Bei Roland Mills United, einer Getreidemühle in Bad Langensalza, arbeitete Köber-Fleck als Betriebs- und Standortkoordinatorin.
Parallel dazu entwickelte sie ihre eigenen unternehmerischen Aktivitäten weiter. 2023 war sie Mitgründerin der zupar. GmbH, die sich als Netzwerk und Zukunftspartner für regionale Landwirtschafts- und Mittelstandsbetriebe versteht.
Dabei verbindet sie Erfahrungen aus internationalen Konzernstrukturen mit den Anforderungen familiengeführter und mittelständischer Unternehmen.
„In der Landwirtschaft müssen wir jeden Tag unternehmerische Entscheidungen treffen. Wir arbeiten mit der Natur, sind abhängig von Märkten und politischen Rahmenbedingungen und müssen gleichzeitig langfristig investieren. Das verlangt viel Flexibilität und unternehmerischen Mut.“
Für Köber-Fleck ist die Landwirtschaft deshalb eine Branche mit enormem Potenzial. Sie ist überzeugt, dass landwirtschaftliche Betriebe von neuen Perspektiven, wirtschaftlichem Know-how und branchenübergreifenden Netzwerken profitieren können.
Als Landwirtin kennt sie zugleich die praktische Seite: die Verantwortung für Flächen, die wirtschaftlichen Risiken und die Herausforderung, einen Betrieb über Generationen hinweg zukunftsfähig aufzustellen.
Gerade diese Verbindung aus praktischer Landwirtschaft, internationaler Industrieerfahrung und eigenem Unternehmertum prägt ihren Blick auf die Zukunft der Branche.
„Wir brauchen auch Rollenmodelle für Männer“
Köber-Fleck ist überzeugt, dass strukturelle Verbesserungen für Frauen bei der Eigenverantwortung beginnen.
„Wir müssen Frauen ermutigen, zu ihren Stärken zu stehen. Coaching, Mentoring, Vorbilder schaffen – all das müssen wir weitermachen. Aber das ist keine Ein-Jahres-Aktion, sondern ein Langstreckenlauf und kontinuierliche Arbeit über Jahre hinweg.“
Gleichzeitig warnt sie davor, Männer auszuschließen.
„Frauennetzwerke leisten einen wichtigen Beitrag, um Frauen zu stärken, Erfahrungen auszutauschen und neue Perspektiven zu eröffnen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir Männer stärker in diesen Austausch einbeziehen müssen. Wenn wir langfristig mehr Chancengleichheit und Vielfalt in Führungspositionen erreichen wollen, gelingt das nur gemeinsam. Es geht nicht darum, neue Grenzen zu ziehen, sondern bestehende zu überwinden.“
Ihre Vorstellung: gemischte Mentoring-Teams.
„Wenn wir Mentoring machen, braucht es zwei: einen Mann und eine Frau. Gemischte Teams sind die Realität in modernen Betrieben, und das sollte sich auch im Mentoring widerspiegeln.“
Aus ihrer eigenen beruflichen Erfahrung weiß Köber-Fleck, wie wichtig Menschen sind, die Potenziale erkennen, Verantwortung übertragen und Entwicklung ermöglichen – unabhängig vom Geschlecht.

Kinderbetreuung und Steuersystem: „Das ist nicht in Ordnung“
Besonders deutlich wird Köber-Fleck, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht.
„Wir erleben da einen Rollback. Die Kinderbetreuungsangebote gehen zurück, selbst hier in Thüringen. Und wenn die Geburten weiter zurückgehen, trifft es als Erstes die Infrastruktur für Eltern im ländlichen Raum.“
Noch deutlicher fällt ihre Kritik am Steuer- und Bildungssystem aus:
„Es darf nicht sein, dass sich die zusätzliche Vollzeitarbeit beider Eltern finanziell nicht lohnt und das verfügbare Nettoeinkommen pro geleistete Arbeitsstunde dadurch sogar sinken kann.“
Sie kennt die Diskussionen aus ihrer langjährigen Erfahrung als Führungskraft und Unternehmerin.
„In meiner beruflichen Praxis habe ich immer wieder erlebt, dass insbesondere junge Mütter sehr genau abwägen, ob sich eine Ausweitung ihrer Arbeitszeit finanziell tatsächlich lohnt. Wenn zusätzliche Erwerbsarbeit durch Steuern, Abgaben und Betreuungskosten nur zu einem vergleichsweisen geringen Einkommenszuwachs führt, setzt das die falschen Anreize.
Hier ist die Politik gefordert: Wir brauchen ein Steuer- und Abgabensystem, das zusätzliche Erwerbsarbeit spürbar belohnt, sowie eine verlässliche, qualitativ hochwertige und bezahlbare Kinderbetreuung – gerade auch im ländlichen Raum. Es darf nicht sein, dass gut ausgebildete Frauen ihre beruflichen Möglichkeiten aus finanziellen oder strukturellen Gründen nicht ausschöpfen können.
Wer mehr Fachkräfte, mehr Frauen in Führungspositionen und mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit will, muss dafür sorgen, dass sich Arbeit lohnt und Familie und Beruf tatsächlich vereinbar sind. Das ist nicht nur eine Frage der Gleichstellung, sondern auch eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Notwendigkeit.“
Auch die Verteilung staatlicher Bildungskosten stellt sie infrage:
„Wir sollten darüber diskutieren, warum frühkindliche Bildung in der Kita für Familien kostenpflichtig ist, während ein Hochschulstudium – ein Bildungsweg, der noch immer nicht allen gleichermaßen offensteht – weitgehend kostenfrei angeboten wird.“
Ihre Forderung ist klar:
„Wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, muss sich das für die Familie auch finanziell lohnen.“
Drei konkrete Ratschläge
Was würde sie ihrem jüngeren Ich raten, das 2009 als Trainee bei CLAAS anfing?
„Hab den Mut, neue Wege zu gehen und Chancen zu ergreifen, auch wenn du nicht von Anfang an weißt, ob alles funktionieren wird. Sei bereit, kalkulierte Risiken einzugehen, denn persönliche und berufliche Entwicklung entsteht oft außerhalb der eigenen Komfortzone. Gleichzeitig ist es wichtig, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Denn nachhaltiger Erfolg ist selten eine Einzelleistung – er braucht Menschen, die einen begleiten, unterstützen und auch kritisch hinterfragen.“
Zudem hat Beate Köber-Fleck drei Ratschläge im Gepäck, die sie jeder jungen Frau in der Landwirtschaft mitgeben möchte.
Erstens: „Sprich mit deinem Umfeld über Geld.“
„Das machen wir noch zu wenig. Und wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir ein Gehalt auf Augenhöhe verlangen.“
Für Köber-Fleck gehört der offene Umgang mit Geld zum unternehmerischen Selbstverständnis. Wer Verantwortung übernimmt, sollte auch über die eigene finanzielle Unabhängigkeit, Vergütung und wirtschaftliche Perspektive sprechen können.
Zweitens: „Kümmere dich um deine Altersvorsorge.“
Es klingt banal, ist aber existenziell.
„Ich sehe viele Frauen in meinem Alter, die Teilzeit gearbeitet haben, dann ihren Rentenbescheid bekommen und negativ überrascht sind. Und dann wird die Zeit knapp, wieder aufzuholen.“
Gerade in der Landwirtschaft, wo Familie, Betrieb und Erwerbsarbeit häufig eng miteinander verbunden sind, sei finanzielle Eigenständigkeit ein wichtiges Thema.
Drittens: „Arbeiten und Familie ist nicht getrennt; das läuft miteinander.“
Ihre Kinder kennen jeden Arbeitsplatz, an dem sie gearbeitet hat.
„Sobald man sich davon frei macht, dass Arbeiten und Kinder getrennt sein müssen, wird vieles leichter. Meine Kinder kommen mit zu Wochenendveranstaltungen oder zum Junglandwirte-Stammtisch. Dann sind sie eben die jüngsten Junglandwirte, warum nicht?“
Für Köber-Fleck ist das keine Frage perfekter Organisation, sondern vielmehr eine Frage der Haltung und des gesellschaftlichen Selbstverständnisses.
Innovation, Fachkräfte und unternehmerische Freiheit
Neben der Förderung von Frauen in Führungspositionen beschäftigen Köber-Fleck vor allem drei Themen, die sie für die Zukunft der Landwirtschaft als entscheidend ansieht: Innovationen schneller in die Praxis bringen, Digitalisierung vorantreiben und internationale Fachkräfte besser integrieren.
Aus ihrer Zeit in der internationalen Landtechnikindustrie weiß sie, wie viel Innovationskraft in der Branche steckt. Gleichzeitig erlebt sie als Landwirtin und Unternehmerin, wie schwierig es sein kann, neue Technologien und Ideen tatsächlich in den Betrieben umzusetzen.
„Wir brauchen mehr Mut, Neues auszuprobieren. Innovationen müssen schneller auf dem Acker und in den Ställen ankommen. Und wir müssen den Betrieben wieder mehr Raum für unternehmerische Entscheidungen geben.“
Auch die Digitalisierung sieht sie als große Chance – selbst, wenn dies bedeutet, bestehende Strukturen und Gewohnheiten zu hinterfragen.
Ein weiteres Anliegen ist ihr die Integration internationaler Fachkräfte.
„Wenn Menschen nach Deutschland kommen, müssen sie schnell und auf legalem Wege in Arbeit kommen dürfen. Das hilft bei der Integration und bringt uns alle weiter.“
Für Köber-Fleck liegt die Zukunft der Landwirtschaft nicht in der Abgrenzung, sondern in der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Generationen, Branchen und gesellschaftlichen Gruppen.
Am Ende des Gesprächs sagt sie:
„Frauen und Männer, Jung und Alt, Stadt und Land. Ich glaube, wir kriegen das hin. Wir müssen nur aufhören, gegeneinander zu kämpfen, und anfangen, gemeinsam zu arbeiten. Divers ist immer besser.“
Es klingt nach viel. Aber wenn man Beate Köber-Fleck zuhört, glaubt man, dass es möglich ist.
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