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„Hammerhart den Erfolg ernten“

Blogpost |

30. September 2026

Eva Vollmer ist promovierte Winzerin in Mainz-Ebersheim, Rheinhessen. Pointiert und lebendig erzählt sie von ihrer Liebe zum Wein und den Herausforderungen der Landwirtschaft. Obwohl sie das Gesicht des Weinguts Eva Vollmer ist, spricht sie immer von WIR und betont, wie wichtig Kooperationen und ein positiver Ansatz für die eigene Arbeit sind. Sie setzt auf Fachwissen, Innovation und Winzertainment. Dazu gehören Events, kreative Sprache, eigene Flaschenetiketten und Website-Slogans wie „Komm herein ins charmante Chaos, ins echte Leben. Am Freuen kommt niemand vorbei”. Das Interview fand im Herbst statt – zu einer Zeit, in der Winzerinnen eigentlich keine Zeit haben. Vollmers letzter Satz lautete: „So, jetzt geht’s wieder ab an die Kelter!”

Frau Vollmer, wann haben Sie die ersten Reben selbst geerntet, und wie wurden Sie zur Dr. Agrar in der Sparte Weinbau?

Ich komme aus einer Familie mit gemischter Landwirtschaft. Wir hatten immer Weinberge, ernteten aber als Traubenlieferant – da ging es um Quantität. Nach dem Abitur habe ich die Weinküfer-Ausbildung gemacht, dann Weinbau studiert, es folgten Master- und Doktorarbeit. Dr. Agrar heißt es auf dem Papier, eigentlich ist es eine Önologie-Promotion über Pflanzenschutzmaßnahmen im Steillagenweinbau – eine Kombination aus einer großen Umfrage und praktischer Arbeit.

Sie haben 2007, mit Mitte Zwanzig, den Hof übernommen und auf Bio und Direktvermarktung umgestellt. Heute bauen Sie auf 11 Hektar veganen Biowein an.

Genau. Ich hatte die Wahl, die Trauben weiter tonnenweise zu vermarkten oder den Schritt in den Bio-Weinanbau und die Selbstvermarktung zu gehen. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden – nicht leicht, aber mit deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeit: weniger Trauben, dafür Qualitätsarbeit am Stock, neue Prozesse, der Aufbau einer Marke, Marketing, Eventmanagement. Meine Eltern hatten aber auch schon Veränderungen eingeleitet, etwa auf Solarstrom gesetzt.

Wie herausfordernd war diese Umstellung – und wie hat das Umfeld reagiert?

Mit der Entscheidung für Bio macht man einen Strich drunter, danach gibt es die alte Welt nicht mehr. Am Anfang war es sehr ungewohnt, den hohen Bewuchs der Beikräuter zu dulden, der mit der Ökobewirtschaftung einhergeht. Die Betriebe drum herum belächelten uns: „Jetzt sind sie durchgeknallt.” Wir waren lange die einzigen Bio-Landwirte. Die drei Jahre Umstellungszeit finde ich trotz der Bürokratie gerechtfertigt – der Boden muss sich erst auswaschen und gesunden. Und man braucht Zeit zum Lernen. Zur Qualitätsteigerung habe ich zwei Fässer ausgebaut, eines Basic und eines mit dem neuen Wissen aus Geisenheim. Dann hieß es learning by drinking.

Bereits im zweiten Jahr hatten Sie einen Durchbruch: Sie waren die Entdeckung des Jahres im Gault&Millau.

Das war ein Oscar! Die Branche war komplett männerdominiert, und ich war die erste Winzerin in Rheinhessen, die auch ihren Namen aufs Etikett geschrieben hat. Es folgte enorme mediale Aufmerksamkeit – und weil ich gerne knackige Statements raushaue, hat das in verschiedene Richtungen ausgestrahlt. Ich war hocherfreut, aber auch demütig. Wir haben gefeiert, doch dann ging es direkt wieder an die Arbeit.

Wie war die Situation damals auf Ihrem Hof?

Wir waren technisch minimalistisch aufgestellt und haben mit unserer Liebe zum Wein dieses tolle Ergebnis erzielt. Zu Beginn hatten wir 4.500 Flaschen, dann 10.000, dann 50.000. Durch die Aufmerksamkeit war es naheliegend, mehr zu produzieren, aber wir haben ein gesundes Wachstum angestrebt. Jetzt stabilisieren wir, weil dieses Höher-schneller-weiter keinem hilft.

Sie arbeiten mit alten, aber auch mit neuen Reben. Wo soll die Reise hingehen?

Meine Neupflanzungen waren am Anfang Riesling und Burgunder, die Classics – die mache ich nicht weg, weil ich sie liebe und weil man alte Weinberge, die noch nicht dran sind, nicht für die Zukunft opfern sollte. 2016 haben wir begonnen, auch neue Rebsorten zu pflanzen und das war eine tolle Entscheidung. Sie sind robust und brauchen weniger Pflanzenschutz. Wir schonen den Boden, erhöhen die Biodiversität, ernten stabil gesunde Trauben, die durch tolle Weinstilistiken frischen Wind in die Branche bringen.

Wir haben jetzt 60 Prozent alte Weinberge mit Classics und 40 Prozent neue, robuste Sorten. Im Herzen steht die Biobewirtschaftung, die uns zukunftssicher aufstellt. On top haben wir die neuen Reben, die toll zu bewirtschaften sind. So habe ich Freiraum, mich dem Weinausbau strategisch zu widmen und die Qualität zu erhöhen.

Bei den neuen Sorten sprechen wir auch von pilzwiderstandsfähigen Reben, abgekürzt Piwi.

Ja, das ist der offizielle Fachbegriff – der mir als Mensch, der in bejahenden Worten denkt, extrem sauer aufgestoßen ist. Es stimmt, diese Sorten widerstehen den Pilzen. Aber wenn ich ein leckeres Glas Wein verkaufen möchte, schenke ich den Leuten lieber den Zukunftswein Souvignier Gris ein, statt zu fragen: „Haben Sie jetzt mal Lust auf Pilz und Widerstand?”

Sie haben deshalb die Initiative Zukunftsweine gegründet. Wie kam das?

Ich bin zu unserer Agentur für Marken gegangen, die Projekte des Wandels unterstützt und begleitet. Schnell stand fest: Das Problem betrifft die komplette Branche, der Lösungsweg sollte groß gedacht werden. Mit einer befreundeten Winzerin bildeten wir ein Kernteam aus Markenspezialisten, Winzerinnen und Business-Experten – eine Task Force für Zukunftsweine. Die ersten Mitgliedsbetriebe kamen aus Rheinhessen, dann ging es deutschlandweit, verstärkt durch den deutschen Nachhaltigkeitspreis. Heute gehören etwa 90 Betriebe dazu, plus eine kleine internationale Erweiterung: Schweiz, Österreich, Luxemburg und Dänemark.

Sind alle Mitglieder Biowinzer?

Nein, wir haben die Idee bewusst geöffnet, von konventionell über Bio zertifiziert bis Demeter – mit den neuen Rebsorten kann jeder die Pflanzenschutzmaßnahmen um bis zu 80 Prozent reduzieren. Auch Nichtmitglieder sagen inzwischen Zukunftsweine statt Piwi-Reben. Das finde ich toll, so wird der Begriff normal, wie Tempo für Taschentücher. Wir stehen für Austausch statt Konkurrenz, das hilft besonders bei Hofnachfolgen – es gibt schließlich noch tausend andere Baustellen in der Weinbranche: Die Flasche. Die Energie. Der Wasserverbrauch. Das Co2. EU-Regeln.

Sie sind die erste promovierte Winzerin in der Familie, noch dazu eine Frau in einer Männerdomäne. Hat sich seither etwas verändert?

Hofnachfolge war früher grundsätzlich männlich, mit zwei Mädels als Nachwuchs war meine Übernahme nicht selbstverständlich. Aber ich war auf eine burschikose Art in der Männerriege unterwegs, bin LKW und Mähdrescher gefahren. In der Ausbildung waren wir nur zwei Frauen, im Studium wurde es gemischter. Ich denke nicht in Mann und Frau, ich denke in Mensch. Und die Quote steigt: In Geisenheim kamen Marketingstudiengänge dazu, dort, aber auch im Weinbaustudium selbst sind heute mehr Frauen vertreten. Und sie stärken sich gegenseitig.

Was waren die persönlich wirksamsten Netzwerke für Sie – auch außerhalb der Branche?

Die intensivsten Partnerinnen waren meine engen Winzerfreundinnen hier aus dem Kreis. Drei Frauen, die alle Gedanken geteilt und alle Weine zusammen probiert haben. Dazu kommen Vinissima, ein Netzwerk für Frauen in der Weinbranche, ein BUS-Kurs der Andreas Hermes Akademie, und der Women’s Hub: Frauen nutzen andere Frauen als Sparringspartner. Geben und Nehmen, das ist der Schlüssel.

Wo sehen Sie Nachholbedarf, und wo liegen Kipppunkte?

Wir Frauen sind noch stark im Overload, spätestens wenn wir Kinder bekommen und gleichzeitig Betriebsleiterinnen sind – seit jeher praktizieren und erdulden wir in der Landwirtschaft Ausbeutung, von sich selbst und von anderen. Dazu kommen Klimawandel und Digitalisierung, die einem echt ans Brain wollen: Wir leben in einer so rasanten Zeit, dass wenig Raum bleibt, visionär und strategisch zu agieren. Im Weinbau bedeutet der Klimawandel mehr Misserfolge und erfordert Anpassungsleistung und Resilienz. Das ist aber kein Winzerinnenproblem, sondern ein Menschenproblem. Aber der Umgang damit liegt bei uns.

Glauben Sie, dass sich Frauen mehr mit Nachhaltigkeit identifizieren können als Männer?

Nein, das Thema ist für alle relevant. Aber Frauen werden künftig eine Sache mehr anfassen: Nachhaltigkeit bei Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Hof, weil sie davon stärker betroffen sind. Ein No-Go für viele starke Frauen ist, dass sie zwar kräftig mitarbeiten, aber finanziell nicht abgesichert sind.

Was sind die Stärken, die Frauen besonders in die Betriebe einbringen können?

Fachwissen verbunden mit Selbstbewusstsein, Kreativität und Humor – dieses ehrliche, herzliche, augenzwinkernd intelligente Auftreten. Gerade in der Landwirtschaft wird so etwas nicht von uns erwartet, und plötzlich wird man dabei erwischt, dass man gut ist. Je mehr Frauen das tun und auch Storytelling beherrschen, desto stärker setzen wir uns durch – und entkräften dieses „Du bist zu weich mit deiner Emotion.”

Sie setzen auf Winzertainment, um Genuss und Lebensfreude neu zu vermarkten.

Winzertainment ist für mich ein Oberbegriff für Angebote, die neu, mutig und unterhaltsam sind: ein charmantes Gespräch, ein Weinpicknick, eine Online- oder Dunkelweinprobe. Wichtig ist, die Distanz abzuschmelzen. Wein gilt oft noch als elitäres Getränk, das will ich ändern, ohne Wein zum Spaßgetränk zu degradieren. Es geht um bewussteren Konsum, um Entschleunigung, um Genuss.

Es gibt heute viele junge Leute, die deutlich weniger oder gar keinen Alkohol trinken.

Das stimmt. Als die ersten alkoholfreien Weine auf den Markt kamen, habe ich komplett geblockt, die ersten Varianten waren einfach Murks – ich lege viel Wert auf Sensorik. Aber die Technik hat sich verbessert, und wir haben gesagt: Wir probieren das, mit Zukunftsweinen. Der Prozess, dem Wein Alkohol zu entziehen, ist eigentlich ein Unding – mit so viel Liebe reingetan und mit so viel Energie wieder raus. Aber alkoholfrei wird nachgefragt. Der Zukunft Zero Secco und der Zukunft Zero Wein sind in Kooperation entstanden, und sie schmecken gut! Davon mal abgesehen: Wir machen echt den geilsten Traubensaft. Wer davon eine Schorle trinkt, der fliegt in alle Sphären.

Was erwartet uns in diesem Zusammenhang noch?

Die Initiative Zukunftsweine hat ein Getränk entwickelt, das die Rebe ganzheitlich nutzt – von den Trauben über die Kerne bis zu den Blättern. Es nennt sich Partout, ein Fermentat, das niemals Alkohol gesehen hat. Solche Produkte stecken noch in den Kinderschuhen, aber wir sind dran.

Zurück auf Ihren Hof: Welche Events stehen an?

Unser Online-Event Wein-Schoki-Käse im November – daran kann man von der Couch aus teilnehmen. Davor ist noch unser Erntedankfestival am 16. und 17. Oktober. In unserer Gesellschaft haben wir vergessen, Erntedank zu feiern, dafür kam Halloween. Bei uns geht es aber genau nicht um süßen Überfluss, sondern um Wertschätzung landwirtschaftlicher Produkte. Wir nehmen alle Generationen mit ins Boot, besonders Kinder – mit Backhaus, Blasmusik, aber auch einer Abendandacht: ein Moment des Innehaltens und Wahrnehmens, was ist.

Sie dürfen noch einen Appell an andere Frauen in der Landwirtschaft richten.

Mut ist gefragt, und Vertrauen in die eigenen Stärken. Ich wünsche jeder da draußen die Kraft, nicht leise zu werden, nur weil andere lauter drüber posaunen. Weibliche Fähigkeiten sind keine schwachen Stärken – das ist unsere Mega-Super-Power. Und dann vor allen Dingen nicht vergessen: hammerhart den Erfolg zu ernten.

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